Kastration - Rüde

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  • In der Bielefelder Kastrationsstudie (2007) gaben Hundehalter folgende Gründe für eine Kastration an:


    unerwünschtes Verhalten (74 %)
    Gemischthaltung (30 %)
    medizinische Gründe (nur 21 %)


    (Da Mehrfachnennungen möglich waren, ergeben sich insgesamt über 100 %)


    An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass das deutsche Tierschutzgesetz (§ 6) ganz eindeutig das vollständige oder teilweise Amputieren von Körperteilen oder das vollständige
    oder teilweise Entnehmen oder Zerstören von Organen oder Geweben eines Wirbeltieres verbietet. Ausnahmen stellen eindeutige, medizinische Gründe dar!


    Der häufigste Grund für eine Kastration, siehe oben, war für die befragten Hundehalter ein unerwünschtes Verhalten des Hundes. Nachfolgend nun eine Aufzählung der häufigsten Verhaltensprobleme und warum die Kastration nicht als Allheilmittel eingesetzt werden kann:


    Dominanzverhalten
    Durch die Wegnahme der Sexualhormone lässt sich das, oft als Dominanzverhalten interpretierte, Verhalten des Rüden gegenüber dem Halter kaum beeinflussen. Dahinter verbirgt sich nämlich meist eine mangelnde Führungskompetenz des Menschen und nicht ein Dominanzstreben des Hundes. Was die meisten Hundehalter nicht wissen: Ein wirklich dominantes Tier ist souverän und hat keine Aggression nötig.


    Angstaggression
    Sie tritt sehr häufig auf und bei dieser Form der Aggression ist eine Kastration kontraindiziert und wird das Problem deutlich verstärken.
    Verantwortlich ist hierfür das Stresshormon Cortisol, welches bei Kontrollverlust oder in Erwartung einer gefährlichen Situation ausgeschüttet wird. Das männliche Sexualhormon Testosteron hemmt hingegen die Cortisolausschüttung, wirkt somit angstlösend und steigert das Selbstbewusstsein. Durch eine Kastration und somit dem Wegfall der Sexualhormone werden diese Tiere noch unsicherer und das führt somit zu einer Verschlimmerung der Angstaggression.


    Futterverteidigung
    Genau wie die Angstaggression wird die Futterverteidigung vom Stresshormon Cortisol und nicht von den Sexualhormonen beeinflusst.


    Partnerschutz-, Status- und Wettbewerbsaggression
    Um Partnerschutzverhalten handelt es sich, wenn der Halter bzw. ganz besonders die Halterin des Rüden verteidigt wird. Hierfür verantwortlich ist das Eifersuchtshormon Vasopressin. In der Frühphase einer sich neu bildenden Beziehung spielt es gemeinsam mit dem Bindungshormon Oxytozin eine große Rolle und sorgt dabei für eine Fernhaltung Dritter. Dieses Vasopressin-Oxytozin-System lässt sich durch eine Kastration nicht beeinflussen.
    Bei echten Status- und Wettbewerbsaggressionen oder auch territorialen Aggressionen dagegen kann eine Kastration eine Besserung des Verhaltens bewirken. Vorraussetzung dafür ist aber, dass das Verhalten tatsächlich hormongesteuert ist und nicht schon erlernt wurde.


    Streunen und Jagd- und Beutefangverhalten
    Die Tendenz größere Streifgebiete zu nutzen und damit verbunden das Kontrollieren und Markieren dieser Gebiete, wird unter dem Einfluss der Sexualhormone im Gehirn angelegt. Soweit das heute aber bekannt ist, geschieht dies schon pränatal (vor der Geburt) und lässt sich postnatal (nach der Geburt) kaum mehr beeinflussen.
    Anders verhält es sich beim Streunen in Anwesenheit läufiger Hündinnen aus der Nachbarschaft. Dieses Verhalten lässt sich durch eine Kastration eventuell beeinflussen.
    Das Jagd- und Beutefangverhalten allerdings steht in keinem Zusammenhang zu den Sexualhormonen.


    Hypersexualität
    Hier muss klar differenziert werden aus welchem Verhaltenskreis sie entspringt. Häufiges Aufreiten und Paarungsbewegungen haben oft andere Ursachen und sind kein Sexualverhalten. Es kann z. B. dem Stressabbau dienen und durch Dopamin verstärkt werden. In der etablierten Gruppe handelt es sich auch oft um ein Spiel.
    Bei einer Kastration wegen Hypersexualität sollte immer auch bedacht werden, dass der Rüde auch nach der Kastration in Anwesenheit einer läufigen Hündin Paarungsverhalten inkl. Hängen zeigen kann.


    Durch den Einsatz einer chemischen Kastration (in Form des Suprelorin Chip) erhält man die Möglichkeit, Verhaltensänderungen (die eine chirurgische Kastration mit sich bringen würden) zu testen. Allerdings sollte man den Besitzer darüber aufklären, dass es in den ersten Wochen, bevor der negative Rückkoppelungsprozess in Gang gebracht wird, zu einem deutlichen Anstieg der Sexualhormone kommen kann, was wiederum eine massive Verstärkung der durch Testosteron induzierten Verhaltensauffälligkeiten zur Folge haben kann.


    Abschließend ist anzumerken, dass eine Kastration nur dann in Erwägung zu ziehen ist, wenn es sich tatsächlich um sexuell motiviertes Verhalten handelt.
    Keinesfalls jedoch kann und darf die Kastration als Allheilmittel für Verhaltensprobleme jeglicher Art gesehen werden!


    Quelle:
    Enke Verlag | veterinärSPIEGEL2010; 4:161-164 Strodtbeck S., Gansloßer U.
    Die Kastration des Rüden aus verhaltensbiologischer Sicht